Dienstag, 23. November 2004
About seb

Geschwind geschwind - es läutet schon! Geschwind, beeilen Sie sich, steigen Sie ein! Das Luftschiff kann nicht warten, schon rasseln die Ketten, schon lockern sich die ersten Stricke! Reichen Sie mir Ihre Hand, ich ziehe Sie nach oben! Ich helfe Ihnen hinauf, denn gleich wird sie beginnen, die Reise in ein fernes Land. Fast haben Sie es geschafft, noch eine Sprosse, dann sind Sie oben. Ist die Aussicht nicht herrlich? Und nun auf in dies ferne Land, wo Sonderliches geschieht. Das Land, in dem die Gesetze der Physik und wichtiger noch, die Gesetze der Vernunft aufgehoben scheinen. Machen Sie sich gefasst, vieles wird Sie verwundern in diesem Land, viel Eigenartiges gibt es zu bestaunen. Fangen wir an mit einem gar merkwürdigen Gesell. Seb wird er genannt und dies ist seine Geschichte...
Geboren wurde seb an einem schönen Herbst-Samstag im Jahre 1981. Die Oktobersonne kitzelte eine graumelierte Katze in der Nase und kleine Schäfchenwolken strichen langsam über den Himmel. Die Welt war noch in Ordnung, wie man so schön sagt. Aber dies würde sich nun unwideruflich ändern. Spötter sagen, das hätte die Welt bereits gewußt, aber es war ihr schlicht egal. Seine ersten Lebensjahre verbrachte seb in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Seinem scharfen, wenn auch noch jungen Verstand entging natürlich nicht, dass dies weder eine richtige Republik war, noch war irgendeine Form von Demokratie erkennbar. Und sind wir doch mal ehrlich: so richtig deutsch war das Land eigentlich auch nicht. Schon früh engagierte sich der Siebenjährige für die deutsch-deutsche Konterrevolution und maschierte mit stolz geschwellter Brust, gestützt durch die Liebe und Loyalität seiner Anhänger in erster Reihe in den Leipziger Montagsdemonstrationen. Der leidenschaftlichen Hingabe mit der er dem ostdeutschen Volk neuen Mut und den festen Willen zur Wiedervereinigung gab, ist es zu verdanken, dass die Mauer weichen musste. Sie hatte keinen Platz mehr im Weltbild des jungen Friedensboten. Er beendete den kalten Krieg und gab seinen Mitbürgern die Vision einer besseren Zukunft. Helmut Kohl konnte nicht auf seinen weisen Rat verzichten und trug sebs Idee der blühenden Landschaften der olympischen Fackel gleich weiter.
Kurze Zeit später - seb besuchte unterdessen ein Gymnasium in der Nähe seines wunderschönen und idyllisch gelegenen Heimatortes - fand er eine geheimnisvolle Karte mit dem Weg zu einem güldenen Becher. Es war eine beschwerliche Reise nach Jerusalem für einen Zehnjährigen, zumal zu Fuß. Ohne Schuhe. Doch der heilige Gral dient ihm heute noch als Kakaobecher. Zudem brachte er den Schwarzen Stamm (heute ein dekorativer Beistelltisch) und die Heilige Lanze (benutzt er noch immer gern als Rückenkratzer) mit in unsere Landen. In diesem Jahr gründete er, motiviert durch seine Erstbesteigung der Eiger Nordwand, ein gutsortiertes Einzelhandelsgeschäft für Hochleistungsschnürsenkel. Schnell waren Konkurrenten auf dem Markt, doch chancenlos mussten sie sich seinem wirtschaftlichen Geschick und seinem feinen Gespür für die Wünsche der breiten Masse geschlagen geben. Seine bis zur Perfektion geschärften Sinne begleiteten ihn auch in seinem weiteren Leben. Sie ließen ihn stets den Angstschweiß seiner Kontrahenten schon von weitem erkennen. Mit zwölf Jahren erhielt er seinen ersten Nobelpreis für die Erforschung des Balzverhaltens abgelaufener Tütensuppen und der Spaltung des Elektrons. Für seine Abhandlung zur Spaltung des Strings mit siebzehn Jahren steht der Nobelpreis mit persönlicher Widmung von Alice Schwarzer noch aus. Aber greifen wir nicht vor.
Mit dreizehn Jahren gewann er das prüfende Komitee der Mathematik-Olympiade für sich, als er mit (61182^3299-1)^92811-1 die bislang größte Primzahl fand. Nachdem er im selben Jahr einen Algorithmus zur optimalen Berechnung des Traveling-Salesman-Problems in O(n/2) gefunden hatte, begann er sich für Computer zu interessieren. 1995 - er war gerade 15 Jahre alt geworden, erregte er öffentliches aufsehen, als es ihm in 17 Minuten und 23 Sekunden gelang, den gesamten Quellcode von Windows 95 aus den von seinem Computer angezeigten Fehlermeldungen zu rekonstruieren. Seine Erkenntnisse verkaufte er an ein junges aufstrebendes Unternehmen aus der Software-Entwicklung und legte den Gewinn bei einer großen schwedischen Bank an, welche sich fortan mit den Buchstaben seines Namens schmückte. Nach beachtlichen Erfolgen im Weitsprung (11,05m) und 100m-Lauf (unter 7 Sekunden) gelang es ihm im folgenden Jahr in Atlanta 19 Goldmedallien für sein Land zu holen. Vier davon allein in der von ihm erfundenen Disziplin Dreifach-Quer-Hüpf. Nach weiteren Auslandsaufenthalten in Australien, wo er sich nur mit einem Handtuch bekleidet in 43 Stunden durch die Wüste schlug, und Sibirien, welches er - ebenfalls lediglich mit einem Handtuch bekleidet - in 76 Stunden durchquerte, begab er sich nach Tibet in die Lehre der buddhistischen Mönche von Omna Kablim. In der Rekordzeit von 13 Minuten 52 Sekunden und 3 Zentel gelangte er zur Erleuchtung und betrat im gestählten Mannesalter von 16 Jahren erneut das gesellschaftliche Parkett seines Heimatlandes. Eine Direktwahl in den Bundestag (fraktionslos) ermöglichte ihm einen Einblick in die Wirren der gelebten Demokratie und in die Abgründe der deutschen Volkswirtschaft.
Glückseliges Jauchzen und endlose Gratulationen rief nur einen Monat später seine neu verfasste Lehre des monetariellen Zwangsliberalismus hervor, bot sie doch endlich einen Ausweg aus der nationalen Schuldenfrage. Zudem fanden seine Veröffentlichungen zum Wesen der Frau beachtliches Interesse als eines der wenigen Sachwerke unserer Zeit, welches nicht nur Wissenschaftler und die, die sich dafür halten, beeindruckte, sondern auch von den Objekten der in ihm enthaltenen Betrachtungen vergöttert wurde. Ein fünfseitiges Essay in zwei Sätzen zum grammatikalischen Stil Kleists, ließ auch seine damalige Deutschlehrerin vor Erquickung jubelieren. Im Jahr 2000 bestand er daraufhin das Abitur mit der Note 1 (aufgerundet von 0,52). Ein Intelligenztest, den er im selben Jahr durchführte, hatte zur Folge, dass die Gaußsche Glocke nach rechts verlängert werden musste.
Aus der Zeit nach diesen Ereignissen ist nur wenig über seb bekannt. Experten munkeln, er wäre als Undercover-Agent in einer Spezialoperation in den Kolumbianischen Koksfeldern unterwegs, andere wiederum wollen ihn mithilfe eines Teleskops auf dem Mond gesehen haben, wo er die Vorbereitungen zu einem Intergalaktischen Langstreckenflug überwacht. Sollten Sie diesen Mann gesehen haben oder Geschichten von seinen Heldentaten in anderen Teilen der Erde gehört oder gar miterlebt haben, melden Sie sich bitte bei der gegenwärtigen Bundesregierung oder dem für Sie zuständigen Sachbearbeiter des Bundesnachrichtendienstes. Die Kollegen verbinden Sie gerne weiter.
(seb-t, 02:41 Uhr)
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